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Die dramatische Überfischung der Meere würde eigentlich eine deutliche Reduzierung von Fangmenge und Fischkonsum erforderlich machen. Stattdessen nimmt die Nachfrage nach Fisch weltweit erheblich zu.

Der Verzehr von Seefisch ist auch deshalb so beliebt, weil von Seiten der Medizin und Ernährungswissenschaft seit vielen Jahren eine Steigerung des Fischkonsums empfohlen wird. Die Entwicklung geht sogar dahin, dass man den Verzehr von Fisch als lebensnotwendigen Faktor menschlicher Ernährung bewertet, etwa nach dem Motto: Kein Fisch zu essen, gefährdet Ihre Gesundheit. Dies ist allerdings nicht mehr als eine absurde Behauptung, denn wenn das stimmen würde, hätten die Menschen früherer Generationen im Binnenland alle krank sein müssen. Erst seit etwa 1860 war es durch die Entwicklung von Eisenbahn und Eismaschine überhaupt möglich, frischen Seefisch von der Küste ins Binnenland zu transportieren.

Was ist der Hintergrund für die Empfehlung, mehr Fisch zu essen? In Fischen, insbesondere in fetten Fischen, sind langkettige Omega-3-Fettsäuren enthalten, die Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA). Diese langkettigen Omega-3-Fettsäuren werden von Algen gebildet und über die Nahrungskette von Fischen aufgenommen und angereichert. Die Mutter der Omega-3-Fettsäuren ist die pflanzliche Alpha-Linolensäure. Omega-3-Fettsäuren sind essentiell, d.h. sie können vom menschlichen Organismus nicht selbst gebildet werden und müssen deshalb über die Nahrung zugeführt werden. Omega-3-Fettsäuren haben verschiedene biochemische Funktionen. DHA ist z.B. an der Bildung von Fettstrukturen des Gehirns beteiligt.
Den marinen Omega-3-Fettsäuren werden eine ganze Fülle gesundheitsfördernder Aspekte zugesprochen -  man könnte fast schon den Eindruck gewinnen, sie seien so eine Art Alleskönner oder Wunderpille in der Ernährung. Sie sollen angeblich vor Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzrhythmusstörungen und möglicherweise vor Darmkrebs schützen. Auch eine Entzündungshemmung, Erweiterung der Blutgefäße, Verbesserung der Immunkompetenz, Blutdrucksenkung u.a. wird als Wirkung angegeben. Es verwundert daher nicht, dass Fischöl in großem Stil als Nahrungsergänzungsmittel in Form von Fischölkapseln angeboten und vermarktet wird.

Es kann nicht bestritten werden, dass bei Menschen mit einem hohen Fleischkonsum der Austausch einer Fleischmahlzeit durch eine Fischmahlzeit einen günstigen Effekt hätte. Vegetarier essen aber keinen Fisch und haben ein geringeres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen als Mischköstler. Ungeachtet dessen wurde in einigen Fachartikeln der Frage nachgegangen, ob Vegetarier durch den Fischverzicht möglicherweise gesundheitliche Nachteile hätten. 2009 wurde im American Journal of Clinical Nutrition publiziert, dass es keine ausreichende Evidenz dafür gäbe, dass Vegetarier zum Schutz vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen Fischölkapseln einnehmen müssten. Ebenfalls 2009 wurde vom King´s College London publiziert, dass Vegetarier niedrigere DHA-Spiegel im Blut aufwiesen. Es gäbe aber keinerlei Beweis dafür, dass eine niedrigere DHA-Zufuhr bei Vegetariern die Gesundheit und Hirnleistungsfähigkeit beeinträchtigen würde. Wissenschaftler der Arizona State University konnten bei den Siebenten-Tags-Adventisten nachweisen, dass eine vegetarische Ernährung keinen nachteiligen Effekt auf die Stimmungslage ausübte, trotz einer niedrigeren Zufuhr von langkettigen Omega-3-Fettsäuren. Die Siebenten-Tags-Adventisten sind eine Religionsgemeinschaft, die sich ganz überwiegend vegetarisch ernährt und in großen Vegetarierstudien häufig als Population herangezogen wird, wenn es um gesundheitliche Fragen der vegetarischen Ernährung geht.

Im Februar 2012 publizierten Wissenschaftler der Benedictine University die Ergebnisse einer Studie, in der nachgewiesen wurde, dass die Studienteilnehmer, die völlig auf Fleischprodukte und Fisch verzichteten, eine bessere psychische Befindlichkeit aufwiesen als Mischköstler oder Fischesser. Das Ergebnis dieser Studie ist insofern bemerkenswert, weil ja angeblich die maritimen Omega-3-Fettsäuren für Hirnleistungsfähigkeit und Stimmung von zentraler Bedeutung seien.

Nachdem viele Jahre die maritimen Omega-3-Fettsäuren hinsichtlich Prävention und Therapie von vielen Erkrankungen hochgelobt wurden, mehren sich in den letzen Jahren deutlich die Hinweise, dass es mit den postulierten Effekten der Omega-3-Fettsäuren doch nicht so weit her ist. Hierzu verschiedene Publikationen der letzen Jahre:   

Generell ist die wissenschaftliche Beweislage für die postulierten Effekte der Omega-3-Fettsäuren eher dünn und ernüchternd, hierzu verschiedene Publikationen der letzten Jahre.

  • Wissenschaftler der Oregon Heath and Science University in Portland haben in 2010 publiziert, dass eine Therapie mit Omega-3-Fettsäuren für Menschen mit leichter Alzheimererkrankung keinen Vorteil brachte.
  • Ursprünglich war man davon ausgegangen, dass Fischöl in der Schwangerschaft den Nachwuchs gesünder, intelligenter und schlanker macht. Eine Studie der TU München und andere Publikationen haben diesbezüglich zu erheblicher Ernüchterung geführt. Fischöl hatte keinen positiven Einfluss auf das Gewicht des Kindes und verminderte auch nicht die Gefahr von Wachstumsstörungen des Ungeborenen. Außerdem war keine positive Auswirkung auf die kognitive Entwicklung des Nachwuchses feststellbar. Frauen mit hohem Fischölkonsum waren auch nicht besser vor Kindbett-Depressionen geschützt. Der Münchner Ernährungsmediziner Hans Hauner resümierte, dass sich eine generelle Empfehlung von Fischölkapseln in der Schwangerschaft nicht vertreten lasse.
  • Am 6. Juni 2012 berichtete Spiegel-online: „Mediziner erklären Fischölkapseln für nutzlos.“ Südkoreanische Forscher konnten in einer Metaanalyse von 14 Studien nachweisen, dass Fischölkapseln das Herzinfarktrisiko nicht vermindern.
  • Die Ärztezeitung berichtete unter der Überschrift „Überflüssige Fischöl-Kapseln“ am 18.09.2012, dass eine Metaanalyse zu dem Schluss kam, dass bei verschiedenen Patientenpopulationen zwischen der Einnahme von Omega-3-Fettsäuren und kardiovaskulären Ereignissen kein signifikanter Zusammenhang zu erkennen ist. Die Autoren der Studie, die im Journal of the American Medical Association publiziert wurde, halten den täglichen Gebrauch von Fischölkapseln für nicht gerechtfertigt. Dieser würde auch den Empfehlungen vieler medizinischer Fachgesellschaften widersprechen.
  • Medscape Deutschland veröffentlichte am 17. Mai 2013 einen Fachartikel mit der Überschrift „Fischöl floppt erneut in der kardiovaskulären Risikoprävention“. In einer randomisierten doppelblinden und placebo-kontrollierten Studie an mehr als 12.000 Patienten konnten italienische Wissenschaftler keinen Hinweis auf einen Nutzen von Omega-3-Fettsäuren in der Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder eines kardiovaskulären Todes finden.
  • Im August 2013 stellte das US-amerikanische Journal of Family Practice die Frage, ob man immer noch Omega-3-Supplemente empfehlen solle. Die zentrale Aussage des Fachartikels ist: Es gibt eine größere Evidenz für einen geringen Nutzen. Omega-3-Fettsäuren sollten für den kardiovaskulären Schutz nicht mehr empfohlen werden.
  • In ärzteblatt.de war am 11. Juli 2013 nachzulesen, dass Omega-3-Fettsäuren möglicherweise Prostatakrebs fördern. Männer mit der höchsten DPA-Konzentration im Blut hatten ein 2,5-fach erhöhtes Risiko für ein High-Grade-Prostatakarzinom. Auch eine Analyse der Epic-Studie fand Hinweise auf einen Anstieg des Prostata-Karzinoms durch die Einnahme von Fischölkapseln.
  • Im September 2013 wiesen US-Wissenschaftler darauf hin, dass Omega-3-Fettsäuren auch zu Störungen des Immunsystems führen können, insbesondere zu einer Dämpfung der Immunantwort und zu einer verminderten Ausscheidung von Krankheitserregern.


Kommentar:
Bei Fischöl handelt es sich um eine Substanz, die nur dadurch gewonnen werden kann, dass man Fische fängt und meist grausam tötet. Je höher die Nachfrage nach Fischölkapseln, umso mehr Fische müssen dafür sterben. Bereits jetzt wird ein Drittel des weltweiten Fischfangs nur zur Herstellung von Fischmehl und Fischöl verwendet, wobei natürlich der größte Teil des Fischöls für die Aufzucht von Zuchtfisch in Aquakulturen eingesetzt wird. Genauso wie beim Fleischkonsum stellt sich auch bei der Einnahme von Fischölkapseln die ethische Frage, ob man Tiere für Ernährungszwecke töten darf.

Wer auf Omega-3-Kapseln nicht verzichten möchte, kann auch ohne weiteres auf entsprechende Präparate aus Algenöl zurückgreifen, die die besagten EPA und DHA enthalten. Es sei noch einmal betont, dass Algen die eigentlichen Produzenten von EPA und DHA sind. 

 

Referenzen:

  • Iqwal Mangat: Do vegetarians have to eat fish for optimal cardiovascular protection; Am J Clin Nutr 2009; 89
  • Sanders TA: DHA status of vegetarians; Prostaglandins Leukot Essent Fatty Acids. 2009 Aug-Sep; 81 (2-3): 137-41
  • Beezhold BL et al.: Vegetarian diets are associated with heathy mood states: a cross-sectional study in seventh day Adventist adults; Nutr J. 2010 Jun 1;9: 26
  • Beezhold BL et al.: Restriction of meat, fish, and poultry in omnivores improves mood: A pilot randomized controlled trial; Nutrition Journal 2012
  • Focus.de, 02.11.2010: Nutzlose Fischölkapseln
  • Süddeutsche.de, 02.04.2012: Viel beworben – kaum bewährt
  • Spiegel-online, 06.06.2012: Mediziner erklären Fischöl-Kapseln für nutzlos
  • aerztezeitung.de, 18.09.2012: Überflüssige Fischöl-Kapseln
  • medscapemedizin.de, 17.05.2013: Fischöl floppt erneut in der kardiovaskulären Risikoprävention
  • Julie Monaco et al.: Should you still recommend omega-3 supplements? J Fam Pract. 2013 August;62(08):422-424
  • aerzteblatt.de, 11.07.2013: Omega-3-Fettsäuren könnten Prostatakrebs fördern
  • Welch AA et al.: Dietary intake and status of n-3 polyunsaturated fatty acids in a population of fish-eating and non-fish-eating meat-eaters, vegetarians, and vegans and the product-precursor ratio [corrected] of α-linolenic acid to long-chain n-3 polyunsaturated fatty acids: results from the EPIC-Norfolk cohort; Am J Clin Nutr. 2010 Nov;92(5):1040-51. doi: 10.3945/ajcn.2010.29457. Epub 2010 Sep 22.

Autor: Dr. Hans-Günter Kugler

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