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Die Deutschen konsumierten im Jahr 2014 pro Kopf durchschnittlich 125,10 kg Milch und Milchprodukte. Um diesen gewaltigen Bedarf an Milch zu decken werden Millionen Kühe gehalten, 2014 waren es allein in Bayern über 1,2 Mio, deutschlandweit zählte man über 4,3 Mio.

Milch ist zu einem Billigprodukt geworden, das es schon für 0,55 Cent pro Liter im Supermarkt gibt. Aber wo kommt die Milch eigentlich her, wie wird sie produziert? Man weiß wenig über das Leid der Milchkühe, und möchte es im Grunde auch gar nicht wissen - das ist so wie beim Steak -, sonst könnte ja einem der Appetit vergehen.

Die ARD wollte es genauer wissen und recherchierte, wie es der "Milchmaschine Kuh" geht. Die Dokumentation „Verheizt für billige Milch – Das Leiden der deutschen Turbokühe“ von Monika Anthes und Edgar Verheyen wurde Ende Juli 2015 im ARD-Politikmagazin REPORT-Mainz ausgestrahlt und zeigt das Elend der Turbokühe ungeschminkt auf.

Viele Bauern passten sich in den letzten Jahren dem Trend der Milchwirtschaft an und sattelten um auf Zuchtkühe, die wesentlich mehr geben, als es der Natur eigentlich entspricht.  Es sind sogenannte Hochleistungskühe oder Turbokühe, bei denen jährlich 10.000 Liter abgemolken werden, anstatt wie früher 6.000 Liter. Um dieses Ziel zu erreichen, bekommen die Tiere teures Kraftfutter, das gar nicht „kuhgerecht“ ist und die Tiere krank macht, so die Recherche von ARD.

Das Kamerateam besuchte verschiedene Höfe und musste immer wieder feststellen, dass es vielen Milchbauern, die sich der modernen Milchindustrie unterworfen haben, nicht wirklich gut geht. Viel Bauern beklagen einen hohen Bestand an kranken Tieren oder Kühe und Kälber die vorzeitig sterben, was für sie wiederum einen finanziellen Verlust bedeutet. Auch das vorgeschriebene Kraftfutter soll nicht billig sein. Befragte Bauern gaben zu, dass alles eine Frage der Wirtschaftlichkeit sei. Man müsse schließlich aus den Tieren das maximale herausholen, sonst wäre es nicht profitabel. Kranke und verlustige Tiere würden dabei in Kauf genommen werden.

Der Preis für die Milchleistungssteigerung zahlen ohne Zweifel die Tiere, die krank oder todkrank werden und sterben. Das kritisiert auch der Veterinär Dr. Karl-Heinz Schmack, der Milchbauern im ganzen Bundesgebiet betreut. Er merkt an, dass die Symptome der Tiere nicht herdenspezifisch sind, sondern systembedingt.

Nach einer Statistik eines erfahrenen Klauenpflegers, der jährlich mehr als 10.000 Kühe behandelt – René Pijl, leidet jede zweite Kuh unter Klauenrehe, einer Durchblutungsstörung. Pijl führt dies auf die falsche Ernährung via Kraftfutter mit Soja und Co. zurück, da Kühe ursprünglich Grasfresser sind. Er ist bestürzt und traurig darüber, dass die Hälfte der Tiere das Erwachsenenalter von 3 Jahren und 2 Monaten nicht überleben.  

An was leiden die Tiere sonst noch? Aufnahmen, die Jürgen Foß von der Tierrechtsorganisation ARIWA in einem Stall in Brandenburg gemacht hat zeigen Folgendes: geschwollene Gelenke; offene Wunden; ausgemergelte Tiere; Kühe, die nicht mehr aufstehen können; entzündete Euter, kotverschmierte Euter. In dem Stall mit 450 Tieren, wo die Aufnahmen gemacht wurden, waren ganz junge Kälbchen von der Mutterkuh getrennt und an Ketten gebunden. Foß glaubt nicht daran, dass dies ein Einzelfall ist, sondern Standard. Kälber dürfen nicht festgebunden werden, der Bauer wich aus, dass dies eine Ausnahme gewesen war. Ansonsten hält er die Haltung seiner Kühe als für einen normalen Zustand.

Alles normal? Der Rinderexperte Prof. Dr. Holger Martens, Tiermediziner der Freien Universität Berlin, findet das nicht und hat Statistiken ausgewertet. Er schätzt, dass etwa 700.000 – 800.000 Kühe jährlich wegen Fertilität, Eutererkrankungen, Klauenerkrankungen, Stoffwechselerkrankungen usw. frühzeitig sterben. Er kennt keinen Bereich in der Landwirtschaft mit so hohen Ausfallraten.

Die Turbokuh hat auch einen sehr hohen Verlust an Kälbern. Prof. Dr. Wilfried Hopp, Amtstierarzt des Kreisveterinäramtes Soest ist darüber entsetzt, dass in der zuständigen Sammelstelle von Soest täglich 20 bis 50 tote Kälber angeliefert werden. Nach seiner Statistik sterben die Tiere zu früh, weil sie zu Höchstleistungen gezwungen werden. Viele der Jungtiere leiden unter Labmagenentzündungen und sterben an einem Magendurchbruch. Ausgewachsene Kühe erkranken ebenfalls häufig an Labmagenentzündungen, außerdem an Labmagenverlagerungen. Die Ursache: Futter, das sie nicht verstoffwechseln können.

Wenn die Kuh krank ist oder keine ausreichende Milchleistung mehr erbringen kann, ist die letzte Fahrt meist die zum Schlachthof. Schockierende Aufnahmen der Tierschutzorganisation Animals`Angels, die eigentlich nicht in Worte zu fassen sind: Kühe, die kaum noch laufen können werden mit Elektroschocker aus dem Verladeraum getrieben, bleiben dann unter Qualen liegen, bis sie dann viele Stunden später erlöst werden. Sophie Gregor von Animals`Angels bestätigt, dass Tiere, die abgemergelt, krank und schwach sind - ja sogar Kühe, die gar nicht mehr laufen können, abtransportiert und geschlachtet werden.

Ein Vertreter des Schlachtbetriebes, der zum Tönnies-Konzern gehört, der Jade Schlachthof Wilhelmshafen, hat sich bereit erklärt, mit der ARD zu sprechen. Der zuständige Tierarzt des Schlachthofes Jörg Altemeier bestätigt, dass nicht nur Kühe, die die Leistung nicht mehr erbringen zur Schlachtung kommen, sondern auch kranke Tiere und auch viele schwangere Kühe. Die Kälbchen ersticken dann langsam im Mutterbauch während der Schlachtung. Die Bundestierärztekammer schätzt, dass so jährlich 180.000 ungeborene Kälbchen umkommen.

Was sagt eigentlich der Vizepräsident des deutschen Bauernverbandes Udo Folgart zu diesem Disaster? Der Kuh in Deutschland gehe es von Jahr zu Jahr besser ist seine Behauptung, obwohl er mit den kritischen Fragen von ARD konfrontiert wurde.

Auch der Präsident des Deutschen Holstein Verbandes e.V. (DHV) Georg Geuecke – also der Institution, die verantwortlich ist für die Zuchtkriterien der Turbo-Holstein-Kuh, weist jeglichen kritischen Einwand zurück: Die Holsteinkuh ist die wirtschaftlichste Kuh, sonst wäre sie nicht so populär, man würde für alles einen kritischen Ansatz finden. Die Tiere würden nicht verheizt werden. Er findet es in Ordnung, wenn die Kuh nur 4,7 Jahre alt wird und mehr produziert als in 10 Jahren.

Hier muss doch was im System nicht stimmen: Turbokühe, die krank sind, schmerzen haben und leiden; Kälbchen, die an Magendurchbruch erkranken; ein Viertel der Kühe, die vorzeitig geschlachtet werden; Kraftfutter, welches die Tiere krank macht; Bauern, die in teure Turbokühe und teures Futter investieren und dabei Gefahr laufen, in den Ruin getrieben zu werden; Profit, der wichtiger ist als die Tiergesundheit, Bauern, die die Tiere vernachlässigen; Tierärzte, die von Qualzucht sprechen.

Wer zahlt den Preis für die Billigmilch? Die Antwort liegt nach dieser Doku der ARD auf der Hand, aber jeder einzelne muss sich selbst fragen, inwieweit er dieses System mit seinem Kaufverhalten weiterhin unterstützen möchte.

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